Mein Kreativkurs am Seddiner See
Ich hatte das nicht geplant, das Zusammentreffen war zufällig: Für den 12. bis 16. Mai 2025 hatte ich mich zu einem Wochenkurs in der Heimvolkshochschule am Seddiner See angemeldet „Erfolgreich durch Kreativität – mit bildnerischen Techniken zu mehr Produktivität im Alltag“ und gleichzeitig hatte ich ungewöhnlich viel Stress
- wegen dem Umzug meine Domains und Mailkonten und
- wegen einer (unberechtigten) Kundenbeschwerde.
Die Probleme kumulierten wesentlich am Mittwoch, 14. Mai: Der Tag startete mit einer kleinen Auseinandersetzung in einer Online-Lerngruppe, vormittags kam die ärgerliche Kundenbeschwerde und mittags konnte ich plötzlich nicht in gewohnter Weise auf mein neues E-Mail-Konto zugreifen. Normalerweise ist ein Kreativkurs für mich etwas völlig anderes als mein beruflicher Alltag – diesmal war jedoch Kursthema, wie bildnerische Techniken mir beruflich handfesten Nutzen bringen könnten.
An diesem Mittwoch hatte ich mir notiert
Heute Vormittag Gedanken, ob schwierige Kundenmails mir die Konzentration für Kunst rauben, aber es ging dann gut und im Hintergrund (Hinterkopf) habe ich dann nach und nach meine Antwort auf die Kundenbeschwerde schon formuliert. Heute Mittag überraschendes Problem mit E-Mail, immerhin konnte ich den Support telefonisch erreichen, auch wenn der keine echte Lösung hatte.
Ich habe zwei Schrottbilder gerettet mit dem Gedanken, dass bei größter Sorge vielleicht der größte Lerneffekt möglich ist.
Stress und Kreativität – mein Selbstversuch

Bild 1 war mir am ersten Tag als Frottage von einem Holzbalken gescheitert: Während mir oben über dem Blatt die Zeichenkohle zerbröselte, zerbröckelte unter dem Blatt das trockene Holz. In der Frottage war keine Struktur erkennbar. Mittwoch konnte für mich sowieso nichts mehr schiefgehen: Wenn die Zellstruktur von Holz zerbröselt, wächst gleichzeitig neues Leben, das ich hier abstrakt mit den Grundfarben Blau, Rot und Gelb darstelle und das neue Leben konkret ist bei Holz in der Regel grün. Kohleabdrücke braune Einsprengsel mildern optisch die Prozesse, die sich ja über längere Zeit hinziehen.
Ich weiß noch, ich hatte zwischendurch den Gedanken, was ich machen würde, wenn ich jetzt zu Hause/ im Homeoffice wäre und nicht in diesem Malkurs.
Ich würde grübeln, mich ärgern und stressen.
Problemlösung und/ oder Fehlersuche braucht immer seine Zeit, offenbar kann man in der Zwischenzeit auch malen? Würde ich im Homeoffice eher nicht machen, aber hier hatte ich einen gebuchten, bezahlten Kurs in Präsenzformat.
„Einfach mal umdenken“ hatten wir in einer Morgenrunde notiert.
Donnerstag beim Frühstück und in der Morgenrunde erfuhr ich auch von anderen, dass Kunst ihnen bei Stress in ganz anderem Zusammenhang geholfen hatte.
Unter Wasser malen – und den inneren Kritiker besänftigen
Auch mein Unterwasser-Bild war zunächst gescheitert: Wir machten einen Spaziergang zu einem Strand am Seddiner See und sollten dort „unter Wasser“ malen. Ein Blatt festes Papier, Zeichenkohle und ein Handtuch zum Füße-Abtrocknen sollten wir mitnehmen. Wir malten mit den Füßen im Wasser und dem Zeichenblatt auf dem Seegrund. Ich kannte das bisher nicht und habe das eine mitgebrachte Blatt beim ersten Ausprobieren schnell mit etwas Krickelkrakel „verdorben“.

Ein Schrottbild schmeißt man aber nicht weg, mit etwas zeitlichem Abstand guckt man sich das später noch einmal an (den inneren Kritiker umgehen): Vielleicht hat das Bild einen konkreten Fehler, den man korrigieren kann, vielleicht fehlt etwas, das sich ergänzen lässt, allein das Papier kann man vielleicht noch einmal weiterverwenden, Teile des Bildes für eine Collage einsetzen, etc., viele Möglichkeiten. In diesem Fall habe ich das Bild weitgehend übermalt, bin aber beim Wasserthema geblieben: Im Wasser liegen vielleicht Steine und im Wasser kann sich alles Mögliche spiegeln. Ein misslungenes Werk ist kein Ende, sondern eine Einladung zur Weiterentwicklung.
Was passiert im Gehirn bei kreativer Arbeit?
Während ich so malte – an verschiedenen Bildern gleichzeitig, unter anderem auch an meinem Beitrag zu einem Gruppenwerk – fielen mir immer mehr Lösungen zu meinen „Berliner Problemen“ ein. Ich wurde nachdenklich, ob das Malen auch die kreative Problemlösung für ganz andere Probleme befördert.
Dazu habe ich jetzt meine KI befragt:
Ich habe mich gerade damit beschäftigt, warum bzw. wie kreative Tätigkeiten bei Stress helfen: Kreativtechniken aktivieren die rechte Gehirnhälfte, die rechte Gehirnhälfte unterstützt dann auch kreative Lösungen für Stressverursacher, richtig?
Copilot: Das ist eine interessante Überlegung, aber die Vorstellung „rechte Gehirnhälfte = Kreativität, linke Gehirnhälfte = Logik“ ist inzwischen stark vereinfacht und wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Hier ein präziserer Überblick:
✅ Was stimmt:
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- Kreative Tätigkeiten können Stress reduzieren, weil sie Aufmerksamkeit umlenken, Flow-Zustände fördern und positive Emotionen aktivieren.
- Beim kreativen Arbeiten werden oft Netzwerke im Gehirn aktiviert, die mit flexiblem Denken, Ideenverknüpfung und innerer Belohnung zusammenhängen
❌ Was überholt ist:
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- Die strikte Trennung „rechte Hemisphäre = kreativ, linke Hemisphäre = analytisch“ ist ein Mythos. Beide Gehirnhälften arbeiten bei fast allen komplexen Aufgaben zusammen.
- Kreativität entsteht durch das Zusammenspiel mehrerer Netzwerke:
- Default Mode Network (für freies Assoziieren)
- Executive Control Network (für Bewertung und Struktur)
- Salience Network (für Priorisierung relevanter Reize)
🔍 Warum hilft Kreativität bei Stress?
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- Sie unterbricht Grübelprozesse und gibt dem Gehirn eine „Pause“ von Stressoren.
- Sie aktiviert Belohnungszentren (Dopamin), was das Wohlbefinden steigert.
- Sie kann helfen, neue Perspektiven auf Probleme zu entwickeln – also indirekt auch Lösungen für Stressursachen.
👉 Kurz gesagt: Kreativität hilft nicht, weil „die rechte Gehirnhälfte übernimmt“, sondern weil sie neuronale Netzwerke für Flexibilität und positive Emotionen aktiviert.
Tatsächlich war ich nach dem Kurs sehr zufrieden, kreativ und begeistert – mit meinen Bildern und mit Ideen und Problemlösungen für ganz andere Anliegen, das kann ich heute nachlesen im meinem Bullet Journal vom Sonntag nach dem Kurs.
Meine Arbeiten im weiteren Kursverlauf wurden experimenteller:

Ich weiß nicht mehr, welches von zwei Tuschebildern das Haupt- und welches das Nebenprodukt gewesen ist: Jedenfalls hatte ich zu viel Tusche für einen Farbverlauf benutzt und die Pfützen mussten die ganze Nacht über trocknen. Abbildung 3 hat in roter Akzentfarbe ein paar Einträge aus unseren Morgenrunden, z. B. „schöpferisch sein macht glücklich, dankbar“.
Meine Erkenntnisse Ziele für 2026 und Referenz
Am Kursende habe ich buchstäblich mit Farbe aufgeräumt:

Die Farben auf meiner Mischpalette sind mir immer zu schade zum Wegwerfen. Meine Mischfarben für das Gruppenbild habe ich spontan auf ein neues Blatt gekratzt, darauf weiße Akzente mit Kreidefarbe, dann Blüttenblätter von unserem Wochen-Blumenstrauß vom Boden aufgehoben und Abdrücke mit Blauviolett gestempelt.
Kreativität hilft, Grübelprozesse zu unterbrechen, Dopamin freizusetzen und neue Perspektiven zu entwickeln. Das möchte ich mir im neuen Jahr öfter erschließen, meine Ziele jetzt für 2026:
- Für meine Businessseminare wird es in Zukunft einen Kreativbaustein geben und
- persönlich werde ich ein Kreativtagebuch in Wort und Bild kultivieren.
PS: Das Problem mit meinen E-Mails in Outlook war in diesem Fall ein Sicherheitsfeature meiner Technik, ich war schließlich in einem fremden Netzwerk unterwegs gewesen. Zurück im heimischen Netzwerk lief alles wieder wie gewohnt. Die Kundenbeschwerde habe ich in der Folgewoche souverän erledigt.